Was ich mit Brüssel verbinde – von A bis Z

Erfahrungsbericht von Jan Muggenthaler

Während meines dualen Studiums bei der Stadt Hof bekam ich die Möglichkeit, im Rahmen des Programms Erasmus+ der EU ein Praktikum im Ausland zu absolvieren. Dieses habe ich von Januar bis März 2020 in Brüssel verbracht. Im Folgenden möchte ich schildern, wie ich diese spannende Zeit empfunden habe – mit einem Schlagwort zu jedem Buchstaben des Alphabets.

A wie Anfang:

Als ich zu Jahresbeginn mein Praktikum antrat, übernahm gerade der jüngste EU-Mitgliedstaat, Kroatien, die Ratspräsidentschaft. Das Land leitet also für ein halbes Jahr den Ministerrat und kann so eigene Impulse in die EU einbringen, etwa eine Integration seiner Nachbarn auf dem Westbalkans in die Union. Zum ersten Juli übernimmt übrigens Deutschland die Ratspräsidentschaft.

B wie Brexit:

Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU fiel genau in meine Praktikumszeit. Nach der Ratifizierung des Austrittsabkommens stimmten zahlreiche Parlamentsabgeordnete zur Verabschiedung der britischen Mitglieder das Lied „Auld Lang Syne“ an, ein altes schottisches Volkslied über die Zeit des Abschieds. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade in der Bayerischen Vertretung (s. u.), also nur rund 200 Meter vom Ort des Geschehens entfernt, und habe daher einen ganz persönlichen Bezug zu den Ereignissen. Es war dann auch ein beklemmendes Gefühl, als vom 31. Januar auf den 1. Februar schließlich die britische Flagge vor dem Europäischen Parlament verschwand. Die Brexit-Übergangsphase geht voraussichtlich an Silvester diesen Jahres zu Ende. Man darf gespannt sein, ob bis dahin ein Freihandelsabkommen abgeschlossen ist oder die Verhandlungsfrist abermals verlängert werden muss.

C wie China:

Eine Veranstaltung, die ich mitorganisieren durfte, behandelte das Verhältnis zwischen der EU und China, etwa die Handelsbeziehungen und die Investitionsmöglichkeiten beim jeweils anderen Partner (oder Rivalen?). Eine sehr interessantes Thema, das mir bis dahin nicht in diesem Umfang bekannt war. Man neigt zur einseitigen Betrachtung und damit negativen gegenüber China. Vieles läuft aber auch gut, viel mehr sperrt sich auch Brüssel gegenüber Einflüssen Pekings. Dies wird über die nächsten Jahrzehnte sicher eines der prägenden Politikfelder sein, nicht zuletzt auf dem für September geplanten EU-China-Gipfel in Leipzig.


Bei einer Podiumsdiskussion in der Bayerischen Vertretung

D wie Direction général:

Ebenso wie unsere Stadtverwaltung in Hof ist auch die EU-Kommission nichts anderes als eine große Behörde. Was sich zuhause „Fachbereich“ nennt, ist in Brüssel eben eine „Generaldirektion“. Davon gibt es etliche, z. B. die DG für Handel oder für Nachbarschaftspolitik.

E wie Europaviertel:

Wie der Name schon verrät, füllen die Institutionen der EU und was alles dazu gehört in Brüssel einen ganzen Stadtteil. Von der EU-Kommission mit ihren zahlreichen DG über das Europäische Parlament bis hin zum Rat der EU und den Landesvertretungen, ist hier alles untergebracht. Überall wehen Flaggen aller erdenklichen europäischer Länder und Anzugträger eilen von Termin zu Termin – wenn nicht gerade Pandemie herrscht und die Stadt gespenstisch still ist.

F wie Französisch:

Brüssel ist offiziell zweisprachig. Französisch wird ebenso in der Hauptstadt gesprochen wie auch im südlichen Belgien, der Wallonie. Niederländisch dagegen wird in Brüssel und im flämischen Norden Belgiens gesprochen. Außerdem gibt es in Ostbelgien noch eine deutschsprachige Art Minderheit. Auch mit Englisch kam ich aber in den allermeisten Fällen gut zurecht, Brüssel ist schließlich eine zunehmend internationale Stadt.

G wie Gent:

In meinen Augen ist sie die schönste Stadt Belgiens. Die mittelalterlich anmutende Studentenstadt hat ein beeindruckendes Stadtbild mit Kirchen und einem großen Belfried (den für Flandern typischen Stadttürmen) sowie zahlreiche Kanäle zu bieten. Zu empfehlen ist das auch das „Museum foor Schone Kunsten“, in dem ich eine erstklassige Sonderausstellung über Jan van Eyck bestaunen konnte.

H wie HSS:

Bei der Hanns-Seidel-Stiftung durfte ich mein Praktikum absolvieren. Ich konnte spannende Einblicke in die Arbeit einer politischen Stiftung in Brüssel erhalten und mit großartigen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten. Ich möchte diese Zeit nicht missen.

I wie ICE:

Neben dem deutschen Schnellzug halten in Brüssel auch der französische TGV, der Eurostar nach London und der multinationale Thalys, der die Benelux-Region an Deutschland und Frankreich anbindet. Ich bin viele Male mit der Bahn gefahren, vor allem mit der belgischen, aber auch ab und an mit den genannten Schnellzügen. In Sachen Eisenbahn ist Belgien wirklich ein Vorbild, es hat eines der dichtesten Streckennetze der Welt.

J wie Jubelpark:

Der größte Park Brüssels mit über 30 Hektar Fläche ist der Jubelpark bzw. Parc du Cinquantenaire, der errichtet wurde, um das 50-jährige Jubiläum der belgischen Unabhängigkeit von den Niederlanden zu feiern. Dort steht auch der belgische Triumphbogen, den man sich wie eine Mischung aus jenem in Paris und dem Brandenburger Tor in Berlin vorstellen kann.

K wie Kultur:

Die belgische Hauptstadt wartet mit zahlreichen Museen auf: Vom Comic- über das Schokoladenmuseum bis zum Haus der Europäischen Geschichte kommt in Brüssel sicher jeder auf seine Kosten.

L wie Louvre:

Das meistbesuchte Museum der Welt konnte ich gerade noch rechtzeitig vor den weltweiten Shutdowns besichtigen. Am 13. März war ich dort, ohne zu ahnen, dass ich keine Woche später wieder zuhause in Oberfranken sein würde. Doch das Corona-Virus war auch schon zu diesem Zeitpunkt in Paris spürbar. Wo sonst hunderte Menschen anstehen, um einen Blick auf die Mona Lisa zu erhaschen, war es bei meinem Besuch vielleicht ein nur Dutzend. Der Louvre wurde dann auch früher geschlossen als üblich und ist es bis heute.


Da schien die Welt noch in Ordnung - Sonnenuntergang über der Seine im März 2020

M wie Manneken Pis:

Das kleine pinkelnde Männchen ist neben dem Atomium eines der Brüsseler Wahrzeichen. Der erste Anblick mag zwar zunächst etwas enttäuschend sein (die Statue ist nur einen guten halben Meter groß), es ist dennoch ein Pflichtbesuch für jeden Neuankömmling in Brüssel.

N wie Nordsee:

Belgien hat einen schmalen Streifen Küste nördlich des Ärmelkanals. Ich habe auch einmal einen Ausflug zum Seebad Ostende unternommen, wo sogar noch ein Fort Napoleons und Befestigungsanlagen der Wehrmacht stehen. Aufgrund der Nähe zum Meer hat Belgien ein maritimes Klima. Die Springbrunnen sprudeln so auch im Winter und Schnee fällt – wenn überhaupt – nur an wenigen Tagen im Jahr.

O wie Optimales Timing:

Ich muss feststellen, dass ich wirklich Glück hatte, mein Praktikum noch in vollen Zügen genießen zu können. Zwar verfolgte ich auch von Belgien aus die Nachrichten aus China und später dem italienischen Bergamo. Aber dass sich die uns bekannte Welt so schlagartig verändern würde mit Ausgangsbeschränkungen und sozialer Distanz, schien bis zuletzt doch nicht möglich.

P wie Plux:

Ein fester Termin für alle Praktikanten und alle, die es einmal waren, kommen jeden Donnerstagabend am Place de Luxembourg (kurz Plux) zusammen, um zu feiern und das Wochenende schon einmal einzuläuten.

Q wie Quarantäne:

Eine solche blieb mir zum Glück erspart, dennoch hat die Pandemie mein Praktikum in Brüssel leider vorzeitig schon Mitte März beendet. Der modernen Technik sei dank konnte ich noch meine Aufgaben vom Home Office aus abschließen, dennoch hätte ich mir einen schöneren Abschied von meinen Kolleginnen und Kollegen gewünscht.

R wie Reisefreiheit:

Für Menschen meiner Generation ist das grenzenlose Europa eine Selbstverständlichkeit. Dass im Zuge der Pandemie nun viele Binnengrenzen geschlossen wurden, ist mindestens beunruhigend. Während meines Praktikums konnte ich die Reisefreiheit in der Benelux-Region noch voll auskosten. Wie ich finde, eine der größten Errungenschaften der EU.

S wie Schlümpfe:

In Belgien wurden viele Comics geschaffen: „Tim und Struppi“, „Lucky Luke“ oder „Die Schlümpfe“ stammen alle von belgischen Zeichnern. Mit Wandgemälden oder einer Schlumpf-Statue sind sie auch bestens im Brüsseler Stadtbild vertreten.

T wie Tanzen:

Zuhause verbringe ich zirka vier Tage die Woche in der Hofer „Swing“. Deshalb wusste ich schon vor meinem Aufenthalt in Brüssel, dass mir das Tanzen fehlen würde. Aber auch dort bin ich durchaus auf meine Kosten gekommen. Danke an meine Kollegin Inga, die mich ohne Zögern zu ihren Salsa-Kurs mitgenommen hat!

U wie UvdL:

Neu war im Januar nicht nur die kroatische Ratspräsidentschaft: Auch die neuen EU-Kommissare unter Ursula von der Leyen waren erst seit Dezember und damit nur wenige Wochen im Amt. Ich konnte also einen Großteil der berühmten ersten 100 Tage miterleben. Mit zahlreichen Vorstößen und Projekten wie dem Green Deal, der Europa bis 2050 klimaneutral gestalten soll, setzte die Kommission neue Impulse.


Das Berlaymont-Gebäude, der Sitz der Europäischen Kommission

V wie Vertretung:

Jeder Mitgliedstaat hat in Brüssel eine Vertretung, um seine Interessen in die Gesetzgebung der EU einzubringen. Und da die Bundesländer in Deutschland besondere Rechte genießen, hat auch davon ein jedes in Brüssel eine „Außenstelle“. Am schönsten und in Brüssel bestens bekannt ist diejenige Bayerns. Untergebracht in einem früheren Forschungsinstitut erinnert die Vertretung an ein altes Schloss und ist die gute Visitenkarte des Freistaates in Europa.

W wie Waffeln:

Sie sind quasi das belgische Nationalgebäck und schmecken am besten frisch vom Straßenverkauf. Belgien ist aber auch für seine Schokolade, sein Bier und natürlich seine köstlichen Fritten berühmt. Ich vermisse diese Spezialitäten jetzt schon.

X/Y/Z wie Zu guter Letzt:

Abschließend möchte ich noch den Menschen danken, die mir diese einmalige Zeit ermöglicht haben: Meiner Familie, für ihre Unterstützung, meinen Kolleginnen und Kollegen in Brüssel, für die gemeinsame Zeit, und meinem Ausbildungsleiter Maximilian Fleischer, ohne dessen Unterstützung das alles nicht möglich gewesen wäre. Danke an Sie und Euch alle!

Kontakt

Fachbereich Personal und Organisation
Frau Thoß
Klosterstr. 1          
95028 Hof 

<p>Telefon </p>  +49 (0)9281 815 1170
Telefax  +49 (0)9281 815 87 1170
   bewerbung@stadt-hof.de

Bürgerservice-Portal

© fotolia 

Stadtteilkonzept Kernstadt

Lokale AGENDA 21 Hof