Die Reichskristallnacht

im Deutschen Reich

Der Mord des jüdischen Studenten David Frankfurter an dem NSDAP-Chef der Schweiz, Wilhelm Gustloff, im Februar 1936 in Davos zeitigte keine Maßnahmen der Judenverfolgung durch das Deutsche Reich, weil man sich im Jahr der Olympischen Spiele in Deutschland befand und der Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland geplant war. Die Reichsregierung wies die Behörden in einem Geheimerlass an, Aktionen gegen Juden zu unterlassen. Nach der Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich gemäß dem Münchener Abkommen vom 30.9.1938 hatten die Nationalsozialisten alle außenpolitischen Ziele erreicht, die ohne einen Krieg erreichbar schienen. Besonderer Rücksichtnahmen auf das Ausland bedurfte es nicht mehr. Die Reaktionen auf einen weiteren Mord eines Juden an einem nichtjüdischen Deutschen im November 1938 fielen folglich völlig anders aus.

Seit dem Frühling 1938 kam es in zahlreichen Orten des Deutschen Reichs zu antijüdischen Aktionen. Die Verwaltungen einiger Großstädte erzwangen den Abriss von Synagogen, weil diese hässlich seien oder der Stadtplanung entgegenstünden. In kleineren Orten, vor allem in Unter- und Mittelfranken, wurden Synagogen zerstört, die Fenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen und jüdische Geschäftsleute zum Verkauf ihrer Betriebe gezwungen. Urheber dieser Maßnahmen waren in der Regel örtliche Gliederungen der NSDAP oder verwandter Organisationen (HJ, SA usw.).

Am Morgen des 7. November 1938 verübte der 17jährige Jude Herschel Feibel Grynszpan, der aus Deutschland nach Paris ausgewandert war und sich nach Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung dort illegal aufhielt, ein Attentat auf den deutschen Gesandtschafts-Mitarbeiter Ernst vom Rath in Paris. Vom Rath starb an den Folgen des Attentats am 9. November nachmittags gegen 16.30 Uhr. Welche Motive Grynszpan zu seiner Tat verleiteten, ist in der Forschung umstritten. Es scheint sich um eine Kombination privater und politischer Motive gehandelt zu haben. Vermutlich wollte er sich rächen für die Abschiebung seiner Eltern, deutscher Juden polnischer Staatsangehörigkeit, aus Deutschland nach Polen kurz zuvor. Er selbst befand sich in einer prekären Situation, die letztlich auf die antisemitische Politik der Nationalsozialisten zurückzuführen war. Außerdem werden homosexuelle Beziehungen zwischen Täter und Opfer vermutet, die eine Rolle gespielt haben könnten. Grynszpan wurde 1940 von Frankreich an Deutschland ausgeliefert. Ein Prozess gegen ihn wurde nie geführt, weil sein Verteidiger die Behauptung aufgestellt haben soll, es habe sich um einen Racheakt im Homosexuellenmilieu gehandelt. Gerüchten zufolge soll Grynszpan 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er als „Sondergefangener“ eingesperrt wurde, ermordet worden sein, nachdem das gegen ihn geplante Gerichtsverfahren auf unabsehbare Zeit verschoben worden war.

Bereits am 7. November 1938 kam es zu ersten Aktionen gegen Juden, ihre Geschäfte und Synagogen in Nordhessen. Den Anfang machte vermutlich Kassel am Abend des 7. November. Ihm folgten vom 7. bis zum 9. November etliche kleinere und größere Orte in Nordhessen. Die Aktivisten gehörten der NSDAP, Gestapo, SA oder SS an. Einen zentralen Befehl scheint es für diese Aktionen nicht gegeben zu haben, gleichwohl können sie nicht rein spontan entstanden sein, da die räumliche Ballung und das dichte zeitliche Nacheinander der Aktionen kaum zufällig gewesen sein können. Möglicherweise handelte es sich um eine Kombination aus mehreren Motiven: dem Wunsch nationalsozialistischer Anhänger nach Aktionismus und der Gefolgschaft Subalterner gegenüber den Wünschen ihrer Vorgesetzten, selbst wenn diese nicht ausdrücklich geäußert worden waren.

Der „Völkische Beobachter“, die offizielle Zeitung der NSDAP, kündigte am 8. November „den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage“ an. Die Nationalsozialisten hatten verschärfte Maßnahmen gegen die Juden seit langem geplant. Sie nutzten die Gelegenheit, um diese in die Tat umzusetzen. Die „gleichgeschaltete“ Presse wurde angewiesen, das Attentat als Anschlag des „Weltjudentums“ zu deuten. Daraufhin gab es am Abend des 8. November und im Laufe des 9. November einige Aktionen, etwa in Chemnitz und Dessau, mit denen örtliche Parteiführer, die ihren Antisemitismus besonders betonten, die Bevölkerung anstacheln wollten. Eine Massenbewegung bildeten diese nicht, wenn auch in einzelnen Orten Teile der Bevölkerung an den von der NSDAP begonnenen Ausschreitungen teilnahmen.
Am Abend des 9. November 1938 versammelten sich die Nationalsozialisten zum 15. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches. Auf der zentralen Gedenkfeier in München, bei der die Prominenz der NSDAP aus ganz Deutschland anwesend war, hielt Propagandaminister Josef Goebbels gegen 22 Uhr eine Hetzrede. Er knüpfte an die bekannten Aktionen seit dem 7. November an und teilte mit: „Der Führer habe auf seinen Vortrag entschieden, daß ... Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entstünden, sei ihnen aber auch nicht entgegenzutreten.“ Hitler hatte kurz vorher den Saal verlassen, so dass ihm weder Mitwisserschaft noch gar die Befehlsausgabe nachgewiesen werden konnte und seine Aura als „Führer“ unangetastet blieb. Die zweideutige Stellungnahme Goebbels wurde im gewünschten Sinne aufgefasst. Unmittelbar nach der Rede verständigten ab 22.30 Uhr die anwesenden höheren Chargen untergeordnete Dienststellen von NSDAP, SA, SS, Gestapo und Polizei im Laufe der Nacht überall im Reich per Telefon und Fernschreiber. Auch die Verhaftung von Juden, möglichst von wohlhabenden, wurde den örtlichen Stellen der Gestapo befohlen.

In vielen Orten des Reichs wurden Synagogen abgebrannt oder schwer beschädigt, jüdische Geschäfte demoliert, Juden verprügelt, getötet oder inhaftiert. Mancherorts gelang es, das Goebbelsche Konzept durchzusetzen: Hier betätigten sich die Partei- und Staatsorganisationen als Anstifter, überließen die konkreten Aktionen aber dem „Volk“. In den kleineren Orten verliefen die Aktionen meist anders: Die Partei- und Staatsstellen stachelten nicht das „Volk“ auf, sondern übernahmen die Umsetzung der Maßnahmen gleich selbst, damit nichts schief gehen konnte. Es gab auch Orte, an denen nichts geschah, weil die örtlichen Verantwortlichen die vagen Andeutungen, die sie erhielten, nicht selbständig zu interpretieren wagten, sondern auf eindeutige Befehle warteten. Sogar der Fall, dass die örtlichen Verantwortlichen eindeutige Befehle ignorierten, weil sie diese nicht ausführen wollten, kam vor. Besonders die SA, die seit der Ermordung ihres Chefs Röhm gegenüber der SS in den Hintergrund gedrängt worden war, nahm die Gelegenheit wahr, an ihre Tradition als Straßenkampftruppe anzuknüpfen, doch auch die bürokratischere SS, die Gestapo und die NSDAP beteiligten sich rege. Die Polizei begnügte sich meist – ihren Anweisungen gemäß – damit, nichts zu tun.

Obwohl offiziell stets behauptet wurde, die Aktionen seien Ausdruck der spontanen Empörung des Volkes gegen die jüdische Weltverschwörung gewesen, war den Zeitgenossen klar, dass es sich um von oben gesteuerte Maßnahmen handelte: Wie sonst hätten fast überall parallel ähnliche Aktionen stattfinden können? Die Anstifter der Reichskristallnacht waren örtlich bekannte Amtsträger, nicht Leute aus dem „Volk“. Teils traten sie in „Räuberzivil“, teils in Uniform auf. Auch Grynszpans Rolle war leicht zu durchschauen. Eine tatsächliche jüdische Weltverschwörung hätte sicherlich nicht einen 17jährigen Burschen losgeschickt, der ungeübt im Schießen war und lediglich einen mittleren Beamten einer beliebig gewählten deutschen Botschaft ermordete.

Die Verstärkung der Aktionen vom 7. bis 9. November, die Goebbels betrieb, brachte nicht den vom Regime erhofften Erfolg. Das „Volk“ beteiligte sich gelegentlich, um jüdische Geschäfte zu plündern oder an der Zerstörung jüdischer Einrichtungen teilzunehmen, ohne dass daraus eine Volkserhebung wurde. Zumeist standen die Menschen nur als passive Zuschauer herum; es kam sogar in einzelnen Fällen zu offenem Widerstand gegen die Aktionen oder zu stiller Hilfe für Verfolgte. Das „Volk“ wollte „Ruhe und Ordnung“ und wirtschaftliches Wohlergehen, keinen Krawall. Goebbels sah sich am Nachmittag des 10. November veranlasst, die Aktionen öffentlich abzubrechen. Die Zeitungen wurden angewiesen, die Ereignisse in der Berichterstattung herunterzuspielen: Lokale Berichte seien kurz und ohne Bild auf einer der hinteren Zeitungsseiten zu bringen, Sammelmeldungen aus dem Reich seien zu vermeiden. Die Massenmobilisierung war ausgeblieben, der entstandene Sachschaden zog Finanzmittel aus der Aufrüstung ab, statt der revolutionären Attitüde hatte sich der systematisch-bürokratische Weg bei den Nationalsozialisten überwiegend durchgesetzt. Der Protagonist der Reichskristallnacht hatte sich nicht nur die massive Schelte des Auslands zugezogen, sondern ebenfalls Kritik aus Reihen der Nationalsozialisten, die eine ruhige, durchgeplante und kontrollierte Judenverfolgung dem Straßenkampf vorzogen. Trotzdem kam es noch bis zum 15. November zu einzelnen Aktionen gegen Juden.

Mit der Reichskristallnacht endeten die Judenverfolgungen, die das Regime in Zusammenarbeit mit dem „Volk“ versuchte. Ab jetzt wurde das Volk in seiner Mehrheit nicht mehr beteiligt und die Judenverfolgung zu einer rein staatlichen Veranstaltung. Andererseits war dem Regime deutlich geworden, dass mit einem breiten Widerstand der Bevölkerung gegen die Judenverfolgung nicht zu rechnen war.

Bereits am 12. November beschloss die Regierung die nächsten Schritte gegen die Juden. Für die Schäden der Reichskristallnacht wurden die Juden finanziell herangezogen: Sie mussten nicht allein den Abriss ihrer Gotteshäuser bezahlen, der (auch bei völlig intakten Gebäuden) unter dem Vorwand der Baufälligkeit angeordnet wurde, sondern auch alle anderen Schäden an jüdischen Gewerbebetrieben und Wohnungen begleichen, ohne Versicherungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Der Besuch von Kultureinrichtungen wurde ihnen untersagt. Außerdem mussten die deutschen Juden eine „Buße“ von 1 Milliarde Reichsmark bezahlen. Zum 1.1.1939 wurde Juden die Betätigung als Geschäftsinhaber oder leitender Angestellter ausnahmslos verboten. Am 15. November beschloss man außerdem, dass jüdische Kinder nur noch spezielle „jüdische Schulen“ besuchen dürften. Diese und zahlreiche andere Maßnahmen arbeiteten auf das propagierte Ziel der Auswanderung aller Juden aus dem Deutschen Reich hin.

Nachdem das Gedenken an die Reichskristallnacht lange Zeit eine untergeordnete Bedeutung hatte und zeitweise in parteipolitische Auseinandersetzungen geraten war, wurde seit 1978 regelmäßig und ausführlich der Ereignisse gedacht. Zum 50jährigen Gedenken fanden 1988 zahlreiche Veranstaltungen statt. Selbst in Jahren ohne „runde Jahreszahl“ erhalten die Ereignisse des November 1938 nunmehr regelmäßig eine breite öffentliche und offizielle Aufmerksamkeit.

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